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Vier Stunden, ein Patchkabel, Faktor zehn: was ein KI Agent in unserem Büronetz gefunden hat

Paavo Christian Spieker15. August 20266 min read
Vier Stunden, ein Patchkabel, Faktor zehn: was ein KI Agent in unserem Büronetz gefunden hat Visual

Angefangen hat es mit einer Beobachtung, die mich seit Wochen gewurmt hat: Unsere großen Video Calls liefen schlecht. Nicht die Zweiergespräche, sondern die Runden mit 30 oder 40 Teilnehmern in Google Meet. Ruckler, wegbrechendes Video, Leute, die zweimal fragen mussten. Bei einer Agentur, die den halben Tag in genau solchen Calls sitzt, ist das kein Schönheitsfehler.

Was mich daran gestört hat: Es passte nicht zu unserer Ausstattung. 16 Access Points. Ein 48-Port-Switch. Gigabit-Anschluss. Ich dachte, wir hätten hier bei ONE COMMERCE ein sauber optimiertes Ubiquiti Netzwerk. Alles vom Feinsten.

Gleichzeitig bauen wir KI Agenten, die für unsere Kunden arbeiten: Shops analysieren, Crawls fahren, Datenbestände sortieren, Reports schreiben. Die Frage, die dabei immer im Raum steht, ist: Was kann so ein Agent eigentlich wirklich, wenn man ihn von der Leine lässt?

Also haben wir einen auf unsere eigene Infrastruktur gesetzt. Auf das Netzwerk in unserem Büro, mit vollem Lesezugriff auf den Controller. Und ich habe ihm eine harmlose Frage gestellt: „Kannst du mal prüfen, ob unser Internet langsam ist? Hilft vielleicht ein Neustart des Routers?"

Vier Stunden später waren wir um einige Illusionen ärmer und um eine Menge Performance reicher.

Die Leitung war nie das Problem

Erste Messung: 1.075 Mbit/s Download, 13 ms Ping. Der Anschluss lieferte volle Leistung. Ein Router-Neustart hätte exakt nichts gebracht.

Mein Verdacht war falsch, und das war innerhalb von fünf Minuten bewiesen. Das ist übrigens der erste Teil des Werts: Der Agent hat nicht gemacht, was ich vorgeschlagen habe, sondern erst nachgesehen, ob mein Vorschlag überhaupt Sinn ergibt.

Ein Arbeitsplatz lief am Kabel langsamer als per WLAN

93 Mbit/s über Kabel. 197 über Funk. Das ergab keinen Sinn.

Die Diagnose: 93 Mbit/s ist kein Zufallswert, sondern die physikalische Obergrenze einer 100-Mbit-Strecke. Dazu fand der Agent am zugehörigen Switch-Port 1.054 Sendefehler.

Gigabit braucht alle vier Adernpaare im Kabel, 100 Mbit nur zwei. Fällt ein Paar aus, schaltet die Verbindung stillschweigend zurück. Nichts blinkt rot. Es funktioniert ja.

Neues Patchkabel, gleiche Dose: 938 Mbit/s. Faktor zehn, für ein Stück Kabel.

Vier SSIDs sendeten auf 16 Access Points im 2,4-GHz-Band

Das sind rund 600 Funkbaken pro Sekunde, bevor ein einziges Nutzdatenpaket fliegt. Zwei dieser vier Netze hatten null Geräte und funkten seit Monaten ins Leere.

Nebenbei stellte sich heraus: Unser Hauptnetz war gar nicht für 6 GHz freigegeben. Acht Wi-Fi-7-Access-Points hielten mit 160 MHz Kanalbreite ein Band bereit, das kein einziges Gerät nutzen durfte.

Sieben von sechzehn Access Points saßen auf demselben Funkkanal

Im 2,4-GHz-Band gibt es genau drei Kanäle, die sich nicht überlappen. Die Automatik hatte sieben Geräte auf Kanal 1 gepackt und dort belassen. Sie warteten permanent aufeinander.

Und ein Access Point sendete mit 40 MHz Kanalbreite auf 2,4 GHz und belegte damit das halbe Band. Kanalauslastung dort: 78 Prozent.

Geräte hingen zwei Etagen von ihrem Standort entfernt

Ein Konferenzlautsprecher stand im Besprechungsraum im zweiten Obergeschoss und war mit einem Access Point im Erdgeschoss verbunden. Signalstärke: -88 dBm, also am Rand des Zusammenbruchs. Jedes Paket ging mehrfach raus und kostete alle anderen im Büro Sendezeit.

WLAN-Clients entscheiden selbst, wo sie sich anmelden, und viele kleben stur am ersten Access Point, den sie mal gefunden haben. Man kann sie nicht zuweisen. Aber man kann sie wegweisen: Mindestsignalstärke am falschen Access Point setzen, Gerät einmal trennen, fertig.

Ergebnis nach vier Umzügen: +12 bis +20 dB. Beim Lautsprecher von -88 auf -67.

Ein Access Point hing seit Monaten unbemerkt am Funk statt am Kabel

Er versorgte neun Geräte im Lager und musste jedes Paket zweimal senden, weil seine eigene Anbindung über Funk lief.

Der Grund war elegant versteckt: Sein Netzwerkkabel liefert Strom, aber keine Daten. Power over Ethernet nutzt bei diesem Switch andere Adernpaare als 100-Mbit-Daten. Sind die Datenpaare tot und die Stromadern heil, fährt das Gerät hoch, leuchtet, funktioniert, und sucht sich für die Daten heimlich einen Funkweg.

Gefunden hat der Agent es, indem er alle 100 Switch-Ports nach genau einem Muster durchsuchte: PoE fließt, Link ist down. Ein Treffer im ganzen Büro.

Das Ergebnis des Tages

Kennzahl Vorher Nachher
Durchsatz am Arbeitsplatz 93 Mbit/s 938 Mbit/s
Kanalauslastung 2,4 GHz 52 % 43 %, Tendenz fallend
Access Points über 70 % Auslastung 3 0
6-GHz-Band ungenutzt in Betrieb
Materialkosten ein Patchkabel

Was uns am meisten überrascht hat

Nicht die Technik. Sondern dass keiner dieser Fehler sichtbar war. Alles lief. Nichts war rot. Die Geräte waren online, die Access Points grün, das Internet ging.

Es ging nur eben mit einem Zehntel der möglichen Geschwindigkeit, und das seit Monaten. In einem Büro, in dem den ganzen Tag Shops analysiert, Bilder geschoben und Crawls gefahren werden.

Und die schlechten Video Calls, mit denen alles angefangen hat, haben plötzlich eine Erklärung. Ein überfülltes 2,4-GHz-Band, sieben Access Points, die auf demselben Kanal aufeinander warten, Geräte am Rand der Empfangbarkeit und ein Access Point, der jedes Paket zweimal senden muss: Das ist exakt das Profil, an dem eine Konferenz mit 40 Teilnehmern zerbricht. Nicht am Anschluss, nicht an Google, sondern an den letzten zehn Metern im eigenen Netz.

Ein Mensch hätte diese Fehler nur gefunden, wenn er gezielt danach gesucht hätte. Der Agent hat vier Stunden lang gemessen, verglichen, Hypothesen gebildet und wieder verworfen, mir zweimal widersprochen, wenn meine Vermutung nicht zu den Daten passte, und einmal eine eigene Empfehlung zurückgenommen, als er merkte, dass er zu schnell geschossen hatte.

Das ist der Unterschied zwischen einem Werkzeug und einem Kollegen.

Warum das hier auf einem Agentur-Blog steht

Weil es exakt dasselbe Muster ist, das wir in Shops finden.

Ein Shop, in dem alles grün ist. Keine Fehlermeldung, keine roten Zahlen im Dashboard, der Checkout läuft. Und darunter: Bilder, die je nach Browser dreimal so schwer ausgeliefert werden. Kategorien, die sich gegenseitig kannibalisieren. Ein Tracking, das seit dem letzten Theme-Update die Hälfte der Conversions verschluckt. Nichts davon blinkt rot. Es funktioniert ja.

Der Unterschied zwischen „läuft" und „läuft richtig" ist selten sichtbar. Er ist messbar, aber nur, wenn jemand hartnäckig genug misst. Genau dafür bauen wir Agenten: nicht als Chatfenster, sondern als jemanden, der vier Stunden lang stur an einer Zahl zieht, die nicht plausibel aussieht.

Bei uns im Büro waren es 93 Mbit/s. Bei euch im Shop ist es vielleicht eine Absprungrate, die niemand erklären kann.

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